Seit Harvey Fletcher und Wilden Munson von den Bell Laboratories 1933 ihre Forschungsergebnisse "Kurven gleicher Lautstärkepegel" veröffentlichten, gibt es an vielen Verstärkern die so genannte "Loudness"-Taste. Mit ihrer Hilfe soll die von Fletcher und Munson festgestellte vom Pegel der Wiedergabe abhängige Unempfindlichkeit des Gehörs bei tiefen Tönen unterhalb 500 Hz und hohen Tönen oberhalb 5 kHz mit der Stellung des Lautstärkereglers "gehör-richtig" korrigiert werden. Diese gehörrichtige Entzerrung der Ohrempfindlichkeit mittels Bass- und Höhenanhebung bei kleiner werdender Lautstärke soll demnach durch eine entsprechende Anhebung dieser Frequenzen ausgeglichen werden.
Im Diagramm (Quelle: Internet) sind die von Fletcher und Munson ermittelten Kurven für verschiedene Pegel zu sehen. Sie sind weithin bekannt, man kann sagen berühmt. Jeder Toningenieur kennt sie, viele berücksichtigen sie sogar bereits bei der Tonaufnahme, bzw. dem Mastering. Nur für die Frequenz 1 kHz entspricht die vertikale Teilung der Schallintensität in dB auch der Lautstärke in Phon.
Insbesondere der Verlust an Empfindlichkeit im Bassbereich scheint dramatisch: Um die gleiche Lautstärkeempfindung eines Tones von 1 kHz und 10 Phon - leisestes Flüstern - auch bei einem sehr tiefen Ton der Frequenz 30 Hz zu haben, müssten wir dessen Intensität um etwa 60 dB anheben, ein Verhältnis der Intensität von 1:1000000! Demnach scheint es ausgeschlossen, bei kleinen Pegeln überhaupt derart tiefe Töne wahrnehmen zu können. Anders herum: Wird der Schirm eines Oszilloskops mit einem 30-Hz-Ton in der Amplitude gerade voll ausgeschrieben, müssen wir die Amplitude eines 1-kHz-Referenztones um den Faktor 1000 (-60 dBu) kleiner darstellen, was selbst bei einem großen Schirm kaum noch erkennbar ist.
Sicher ist, das "Rosa Rauschen" ein von der überwiegenden Anzahl von Versuchspersonen als "neutral" klingend eingeschätztes Signalgemisch ist, dem keine bestimmte Tonhöhe zugeordnet werden kann. Hört man sich diese Rauschart bei verschiedenen Pegeln an, läßt sich zwar eine leichte Veränderung der Klangfarbe feststellen - das Signal klingt bei kleiner werdenden Pegeln etwas "dünner" -, allerdings gibt dieser Versuch eben keinen klaren Hinweis auf die Richtigkeit der von Fletcher und Munson mit Sinustönen ermittelten Ohrempfindlichkeit. Vergleicht man den Pegelverlauf des Rosa Rauschen mit den Kurven von Fletcher und Munson, kann man umgekehrt sogar zu dem Schluß kommen, das Ohr arbeite wegen ihres parallelen Verlaufs unterhalb 500 Hz besonders linear und einem bereits natürlichen Ausgleich hinsichtlich neutraler Klangbewertung! Für hohe Frequenzen kommt hinzu, das der Verlust an Ohr-Empfindlichkeit nach Fletcher-Munson durchaus widersprüchlich zur Empfindlichkeit des Hörens was Einschwingvorgänge und Ortungsschärfe angeht steht. Es ist eben alles eine Frage der Wahrnehmung.
Man muß wissen, das die von Fletcher und Munson ermittelten Kurven den aus einer großen Anzahl von Versuchspersonen errechneten Durchschnittswerten entsprechen. Die interpersonale Streuung ist jedoch sehr groß, was ohnehin an der universellen "Richtigkeit" einer gegebenen Loudness-Entzerrung grundsätzlich berechtigte Zweifel aufkommen läßt.
Hinzu kommt die Tatsache, das Verstärker unterschiedliche Verstärkungsfaktoren besitzen. Eine Loudness, kombiniert mit einem Verstärker der die Verstärkung von 20 dB besitzt wird völlig anders "klingen" wie die gleiche Loudness an einem Verstärker mit 30 dB Verstärkung. Die 10 dB Pegelunterschied in der Spannungsverstärkung führen nämlich zu einer völlig anderen Fletcher-Munson-Intensitätskurve. Gleiches gilt natürlich auch für die recht unterschiedlichen Wirkungsgrade von Lautsprechern und nicht zuletzt den sehr unterschiedlichen akustischen Verhältnissen im Wiedergaberaum, welche aus der selben von einem Lautsprecher abgestrahlten Leistung bei verschiedenen Frequenzen völlig unterschiedliche Lautstärken produzieren werden. Bereits aus dieser absoluten Unsicherheit der technischen und akustischen Verhältnisse ist eine "ideale" Korrektur der Ohrempfindlichkeit weitestgehend auszuschließen, wäre reiner Zufall.
Die spektrale Zusammensetzung von Musik und der Verlauf der von jedem einzelnen Instrument erzeugten Amplitude beim Spielen einer Tonleiter zeigt vielmehr, das die jeweils tieferen Töne ganz natürlich mit der höheren Amplitude erzeugt werden: Die Loudness-Korrektur liegt bereits bei der Tonerzeugung vor! Auch ein sehr leise gespielter Kontrabass behält seine typische Charakteristik beim natürlichen Hören bei.
Versuche mit Katzen, die in einer vertikal gestreiften Umwelt aufwuchsen, haben gezeigt, das diese Tiere in einer horizontal gestreiften Umwelt die Orientierung verlieren. Wahrnehmung wird gelernt und angepasst. Diesen Prozeß darf man auch für das Hören annehmen. Wir würden der natürlichen Evolution ein schlechtes Zeugnis ausstellen, wenn wir auf der Notwendigkeit einer technischen Korrektur von oberflächlichen Ohrkurven bestünden. Selbstverständlich gibt es eine Hörschwelle (Schwellen sind ein normaler Bestandteil der Wahrnehmung), selbstverständlich muß ein Ton diese Schwelle überschreiten um wahrgenommen zu werden, und selbstverständlich muß vom Ohr nicht die Linearität erwartet werden wie beispielsweise von einem Mikrofon. Jeder hört auf natürliche Weise nach seiner individuellen Fähigkeit denselben Schalldruckverlauf, egal ob Stimme oder Violine. Und jeder kann beides voneinander unterscheiden. Um einen originalen Schalldruckverlauf wiederzugeben, bedarf es nichts weiter als einer in dynamischer Hinsicht linearen Übertragungskette. Jedwede Korrektur durch Verbiegen des Frequenzgangs verursacht nur zusätzliche Probleme, zum Beispiel durch Verdeckungseffekte.
Hat jemand festgestellt das wir nicht in der Lage sind "linear" zu sehen? Optische Wahrnehmung unterschiedlich empfindlich für unterschiedliche Farben sei? Dann sollten wir uns an den Gedanken gewöhnen, demnächst rosarote Brillen zu tragen, damit wir endlich in die Lage versetzt werden, unsere Umwelt so zu sehen wie sie abgestuft nach Helligkeit in Wirklichkeit ist. Wer würde einen solchen Vorschlag als sinnvoll empfinden, auch wenn alle Argumente der Loudness ins Feld geführt würden?
Daher gehört die "Loudness-Control" in den Bereich jener unausrottbaren Mythen, von denen man sich nicht schnell genug verabschieden kann.